24.01.2012 09:32

E-Müll für dich

Wie wir mit der Nachrichtenflut im Netz umgehen

Labor3 über Filter von Online Nachrichten

„If the news is important, it will find me“
Das Zitat stammt aus einem Artikel in der New York Times aus dem Jahr 2008 (1). Darin ging es um das politische Informationsverhalten junger Menschen. Der Bericht deckt das Funktionsprinzip der Sozialen Medien auf und für alle, die ihn noch nicht gelesen haben, sei er wärmstens ans Herz gelegt. Worum geht es? Morgens die Zeitung zu lesen und pünktlich um 20.15 Uhr die Tagesschau ansehen – diese Rituale fallen nicht für alle Medienkonsumenten weg. Sie werden aber ergänzt. Wir verfolgen auch (oder manche nur) die Nachrichten, die sich als relevant genug herausstellen, dass sie uns von anderen empfohlen werden. Dabei ist „relevant“ ein ziemlich dehnbarer Begriff. Viel hängt davon ab, wie (gut) wir im Netz vernetzt sind.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit bekommt eine neue Logik, die von Jeff Jarvis als „Echo-System“ bezeichnet wird. Wie funktioniert dieser Online-Informationsfilter? Laut Julian Ausserhofer werden digitale bzw. digitalisierte Informationen auf zwei Ebenen gefiltert: technologisch und sozial-kognitiv (2). Zur technologischen Ebene gehören:

  • „Algorithmen und Streams, die nur Informationen mit bestimmten Eigenschaften transportieren;
  • Suchmaschinen und Datenbanken, die Antworten auf Anfragen liefern, sodass wir nicht das ganze Netz durchforsten müssen;
  • Hardware wie z.B. Mobile Devices, die gewisse Inhalte verweigern oder reduziert darstellen.“

Die Crux an den technologischen Informationsfiltern: Wir sehen nicht, welche Ergebnisse ausgeschlossen wurden. (Google ist nicht das Internet!) Daneben hat das Filtern eine zunehmend stärkere soziale Komponente bekommen: durch Blogs, die wir verfolgen, Links auf Xing, Facebook, Twitter, Delicious und und und. Studien besagen, dass wir unseren Netzwerken vertrauen – und damit auch den von ihnen durchgesiebten Nachrichten.

4 Gruppen Nachrichtenkonsumenten
Die meisten von uns stolpern jedoch online eher zufällig über Nachrichten – während wir googeln, auf Twitter oder anderen Netzwerken unterwegs sind oder unseren E-Mail-Account aufrufen. 2009 untersuchte Borchuluun Yadamsuren vom Reynolds Journalism Institute, wie wir Informationen online bekommen und damit umgehen. Dabei identifizierte sie vier verschiedene Typen von Nachrichtenkonsumenten (3).

Die eifrigen Nachrichtenleser (avid news readers)
... besuchen neben den klassischen Nachrichtenquellen mehrfach am Tag News Sites. Dabei grasen sie systematisch verschiedene Seiten ab. Warum tun sie das? Yadamsuren beobachtete: “They continue monitoring for news to feel empowered, to be informed, to get over boredom, and to have a break from their work.”

Die Nachrichtenvermeider (news avoiders)
... meiden die bekannten Nachrichtenseiten. Sie neigen dazu, diesen zu misstrauen. Stattdessen bleiben sie eher zufällig an Nachrichten hängen – und zwar vorrangig negativen, auf die sie sensibilisiert zu sein scheinen.

Die Nachrichtenbegegner (news encounters)
... legen ein eher ambivalentes Verhältnis gegenüber Online-Nachrichten an den Tag. Sie suchen weder explizit danach, noch vermeiden sie diese, da sie wissen, dass die wirklich wichtigen Nachrichten sie so oder so erreichen werden.

Die Sippensurfer (crowdsurfers)
... vertrauen ihren Freunden und Online-Netzwerken, deren Auswahl an Nachrichten als wichtiger betrachtet wird als der Auslese von Nachrichtenseiten.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Immer weniger bestimmen professionelle Medienschaffende, welche News wir als wichtig empfinden. Nachrichten werden „sozial“. Empfehlungen anderer Leute – Freunde, Arbeitskollegen, Geschäftspartner, Follower, User etc. – werden wichtiger. Ob eine Demokratisierung der Informationsfilter zu mehr Qualität führt? Wir zweifeln daran. (Es gibt berechtigte Zweifel.) Technologische wie auch soziale Filter werden sich weiterentwickeln. (4) Die Social Search von Google, die bereits im englischsprachigen Raum verfügbar ist, zeigt, wo lang es gehen kann. Nicht alle bejubeln diesen Trend, bei dem man Nachrichten zunehmend komplett auf die eigenen Interessen zugeschnitten bekommt und den Rest der Welt einfach ausblenden kann. (5)

Es bleibt in der Verantwortung des Einzelnen, zu selektieren und nicht blind den Informationsfiltern – egal welcher Art – zu folgen. Dazu hilft wie im echten Leben, auch mal aus dem eigenen Dunstkreis auszubrechen.

                                                                                                                                  

Quellen:
(1) Brian Stelter: „Finding Political News Online, the Young Pass It On“; NYT 2008. http://www.nytimes.com/2008/03/27/us/politics/27voters.html?_r=3&adxnnl=1&oref=slogin&adxnnlx=1207227626-/SE1yqdTmDm2Ufm9EVCOYQ&oref=slogin
(2) Julian Ausserhofer: „Vertrauen in Filter ist gut, Kontrolle ist besser“; twenty.twenty, 2011. http://www.twentytwenty.at/2011/06/julian-ausserhofer-vertrauen-in-filter-ist-gut-kontrolle-ist-besser/
(3) Andrew Phelps: „Surprise! The News shows up in the least expected places“; Nieman Journalism Lab, 2012. http://www.niemanlab.org/2012/01/surprise-the-news-shows-up-in-the-least-expected-places/
(4) Kathrin Passig: „Zur Kritik an Algorithmen. Warum wurde mir ausgerechnet das empfohlen?“; SZ online, 2012. http://www.sueddeutsche.de/digital/zur-kritik-an-algorithmen-warum-wurde-mir-ausgerechnet-das-empfohlen-1.1253390
(5) Nico Lumma: „Google provoziert mit personalisierter Suche“; t3n, 2012. http://t3n.de/news/lumma-kolumne-google-provoziert-357497/

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