01.06.2010 15:46

Ein reizvolles Angebot

Aspekt der intrinsischen Motivation im Gesundheitssektor und anderen Branchen

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Im Jahr 2000 zeigte ein Experiment in 10 Kindertagesstätten im israelischen Haifa den Ökonomen wo der Löffel hängt. Die Forscher Uri Gneezy der Universität Haifa und Aldo Rustichini der Universität Tilburg beobachteten, wie oft Eltern ihre Kinder zu spät abholten. Daraufhin wurde ein Bußgeld für Spätabholer eingeführt. Zu ihrem Erstaunen stieg die Zahl der Eltern, die ihre Kinder zu spät abholten, rasant an. Dieses Ergebnis widersprach deutlich dem Bild des Homo Oeconomicus. Psychologen waren weniger überrascht. Zeigte sich hier doch deutlich die Theorie, die hinter diesem Verhalten steckt. Wir Menschen werden in vielen Handlungen durch eine intrinsische Motivation gesteuert, bestehend aus psychologischen Variablen wie Vertrauen, Interesse, Nächstenliebe oder Ethikverständnis. In der Regel führt diese Motivation zu sozial erwünschtem Verhalten. Wird jetzt aber ein externer Reiz geschaffen, kann dieser den Platz der intrinsischen Motivation einnehmen. Nun brauchen wir Druck oder eine Reglementierung, um diesem externen Reiz zu folgen. Fehlt dieser Druck, kann unsere Handlungsmotivation insgesamt ziemlich schwach werden. Die Folge: sozial erwünschtes Verhalten nimmt ab.

Was passierte denn nun in Haifa? Für die Eltern hat sich durch die Strafgebühr das Normengefüge in der sozialen Beziehung zum Kindergarten geändert. Ursprünglich war es einfach eine Frage des Anstands, pünktlich zu kommen – auch gegenüber den Erziehern und Erzieherinnen. Es war sozusagen Ehrensache; ein Zuspätkommen trat nur auf, wenn es gar nicht anders ging. Durch die Strafgebühr hat die Verspätung ein Preisetikett bekommen. Das längere Beaufsichtigen der Kinder verwandelte sich in eine bezahlte Dienstleistung, die Unpünktlichkeit zum akzeptablen Verhalten werden ließ.

Externe Anreize haben auch die Fähigkeit, das Vertrauen der Bürger zueinander zu beeinflussen. Die Motivation etwas zur Gesellschaft beizutragen basiert darauf, dass andere sich auch anstrengen oder eben nicht. So ist die Neigung Steuern zu hinterziehen stärker, wenn Menschen glauben, dass andere das auch tun. Dieser Glaube hat sogar einen größeren Einfluss auf unser Verhalten als die Höhe der Strafe oder das Risiko erwischt zu werden. Niemand möchte der einzige Trottel sein, der Steuern bezahlt.

Strenges Handhaben von Regeln zeigt uns, wie andere sich verhalten und machen deutlich, dass das anscheinend nötig ist. «Wenn andere sich nicht an Regeln halten, warum sollte ich das denn tun, wenn ich denke, dass ich ungeschoren davon komme?»

Wirtschaftliche Anreize können Menschen sogar entmutigen, gegenseitige Beziehungen aufzubauen. Die Ökonomen Fehr, Gächter und Kirchsteiger untersuchten die Effektivität unterschiedlicher Arbeitsverträge. In einem Arbeitsvertrag steht der Arbeitsumfang fest und er sieht eine Strafe vor, falls das Pensum nicht erreicht wird. Im anderen Arbeitsvertrag ist der Arbeitsumfang nicht festgehalten. Es gibt aber einen Bonus des Auftraggebers, wenn er oder sie zufrieden ist. Im Gegensatz zur konventionellen wirtschaftlichen Theorie werden in der zweiten Situation die Boni tatsächlich verteilt und das erledigte Arbeitspensum ist höher.

Welche Rolle spielen wirtschaftliche Anreize im Gesundheitswesen?
Der Gesundheitssektor und die Pflege leiden unter hohem Kostendruck. Wie Bundesfinanzminister Schäuble sagte: «Die Medizin ist bedeutend leistungsfähiger geworden. Das hat seinen Preis.» Preistreiber sind neue Medikamente, neue Behandlungsmethoden und die demografische Entwicklung. Gehören die Personalkosten auch in diese Kategorie?

Für die Berufsgruppen der Ärztinnen und Pflegende ist eine wichtige – intrinsische – Motivation die Pflege und Behandlung von PatientInnen. Die Einführung von Marktmechanismen mit einem komplizierten und zeitraubenden System von Fallpauschalen und Fallpunktzahlen macht aus medizinischem Personal dagegen menschliche Taschenrechner. Vor lauter Formularausfüllen – wichtig um Einkommen sicher zu stellen – schwindet ein Teil der Freude an der Arbeit und Zeit für die Patienten. Die Aufmerksamkeit verlagert sich in Richtung einnahmeträchtige Aktivitäten. Das kann sowohl der Qualität schaden als auch einen weiteren negativen Effekt im Gesundheitswesen nach sich ziehen. Mediziner könnten durchaus im weitesten Sinne unwissende Patienten und Beitragszahler ganz einfach über den Tisch ziehen. Es wird ziemlich schwierig sein, ein strenges Regelwerk gegen ein ausgeprägt gewinnorientiertes Verhalten zu entwickeln und durchzusetzen. Mit anderen Worten: Anstand und intrinsische Motivation sind wesentliche Voraussetzungen für ein effizientes Gesundheitswesen. Ein Risiko der Marktorientierung im Gesundheitswesen besteht darin, dass man einen kommerziellen Sektor von gut ausgebildeten Menschen schafft, die mit hohen Gehältern und sehr strengen Regeln motiviert werden sollen, ihre Arbeit ehrlich zu erledigen.

Auch in anderen Branchen spielt das Unterwandern von intrinsischer Motivation eine beachtliche Rolle. Konkurrenzdenken in der Bildung, in der Kinderbetreuung oder bei der Polizei könnte genau dazu führen, dass Aufgaben, die nicht messbar sind und nicht belohnt werden, verwahrlosen können.

Aufgabe für Agenturen
Im Zuge der Kommerzialisierung im Gesundheitswesen wird in der Kommunikation gern mit einem Vokabular hantiert, das motiviertem Fachpersonal ein Dorn im Auge ist. Es ist die Rede von Positionierung, Zielgruppen und Botschaften, Corporate Design und Corporate Identity. Marketing wird durchaus noch gleichgesetzt mit «Menschen etwas aufschwatzen, was sie gar nicht haben wollen». Lästig ist, dass die Rahmenbedingungen in der Gesundheitswirtschaft tatsächlich eine Marktorientierung vorzugeben scheinen. Dabei lastet immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern. Für Kommunikationsfachleute ist es ratsam, im Beratungsprozess persönlich motivierende und wirtschaftlich nötige Faktoren ständig bewusst auszubalancieren. Wir müssen gerade jene Personen in den Prozess mit einbeziehen, die den meisten Kontakt zu Patienten und die geringste Affinität zum Thema Kommunikation und Marketing haben. Denn mehr tun mit weniger Menschen ist nur eine Lösung, wenn man weniger Menschen motivieren kann, mehr zu tun.

 

Ein Teil dieser Ausführungen basieren auf dem Artikel «De wortel, de stok en de ondergang van het fatsoen» in der Zeitschrift Vrij Nederland, Ausgabe März 2007,
R. v.d. Ploeg und J. v.d. Weele

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