11.03.2011 09:51
Gesundheitskampagnen – populär, polemisch - präventiv?

Jedes Jahr startet die
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine neue AIDS-Kampagne, warnende
Aufkleber auf Zigarettenschachteln werden von abschreckenden Bildern
unterstützt, Prominente fordern uns zu mehr Bewegung auf oder überzeugen uns, »Organ-Pate«
zu werden. Gesundheitskampagnen gibt es viele – aber was bringen sie?
Die gute Nachricht vorweg: Die Verhaltensforscherin Melanie Wakefield aus Melbourne ist
davon überzeugt, dass Medienkampagnen ein gesünderes Verhalten bewirken können.
So lautet zumindest ihr Gesamturteil im Fachmagazin »The Lancet« (09/2010)1. Ein Team um die Verhaltensforscherin hat systematisch die Fachliteratur nach Studien durchgearbeitet, um Hinweise zu finden, welche Faktoren den Erfolg von Gesundheitskampagnen unterstützen und
welche eher kontraproduktiv sind.
Unterstützende Faktoren
Die Wahrscheinlichkeit, dass Gesundheitskampagnen eine Verhaltensveränderung hervorrufen,
steigt, wenn von verschiedenen Seiten interveniert wird. So konnte in
unterschiedlichen Studien ein positiver Effekt von Kampagnen gegen das Rauchen
nachgewiesen werden – sowohl bei der Anzahl der erwachsenen Raucher als auch
bei der Anzahl der Jugendlichen, die noch nicht mal angefangen hatten. Sie, die
Jugendlichen, werden noch erfolgreich(er) vom Rauchen abgehalten, wenn die
Aufklärung in den Medien mit Programmen in Schulen kombiniert wird und
Ansprechpartner vor Ort zeigen, was Nikotin mit Herz, Lunge und
Gefäßen anstellt.
Werden negative
Folgen für die Gesundheit sehr drastisch ausgemalt, hält das
bspw. besonders viele Menschen vom Rauchen ab. Das gehe laut Wakefield aus
verschiedenen Untersuchungen hervor. Und es deutet tatsächlich einiges darauf
hin, dass Inhalte auf der emotionalen Ebene, die zum Beispiel die Peinlichkeit von Trunkenheit zeigen,
deutlicher ankommen als die kognitiven Inhalte. Ein nationales Aktionsprogramm
zur Tabakprävention zielt auf die emotionale Ansprache. Das Deutsche
Krebsforschungszentrum ist von der Wirksamkeit überzeugt: »Drastische Bilder
machen das Rauchen weniger attraktiv und können Raucher darin bestärken, mit
dem Tabakkonsum aufzuhören. Auch potenzielle Raucher können auf diesem Weg vom
Einstieg abgehalten werden«, erklärte Martina Pötschke-Langer vom
Krebsforschungszentrum2. Was
verlockende Lifestyle-Werbung ausgelöst hat, soll Abschreckung heute wieder
rückgängig machen.
Die Art
der Kommunikation ist
ein weiteres erfolgreiches Mittel, um das Ziel zu erreichen. Dieser Punkt wird
von Wakefield nur am Rande angesprochen, ist für uns aber zentral. Ganz
offensichtlich kommt Negativ-Kommunikation wie auf Zigarettenschachteln
(»Rauchen kann tödlich sein«) einfach nicht an. Verbote haben wir schon als
Kinder abgelehnt. Mit Lob und dem Fokus auf das Positive hingegen (»Du hast
einen unmittelbaren Nutzen, wenn du etwas änderst«) kriegen wir eine Botschaft
ins Hirn. Dieser Nutzen sei in vielen Studien zu Obst und Gemüse und zum
Rauchstopp belegt.3 Auf diese Weise konnten
laut Wakefield auch Kampagnen für Herzkrankheiten punkten: Vor 1990 wurde
hauptsächlich für Diäten geworben. Die Erfolge waren mittelmäßig. Später
konzentrierte man sich darauf, den Genuss von gesunden Nahrungsmitteln zu
vermitteln und zu begründen. Hier konnten in Wakefields Analyse höhere Erfolge
verbucht werden.
Auch
Richtlinien
können laut dem Verhaltensforscher-Team die Möglichkeiten für einen Wandel
unterstützen. Übertragen in den Alltag wäre das beim Thema gesunde Ernährung
»An apple a day keeps the doctor away« oder bei der Verkehrssicherheit »Don’t
drink and drive«. Allein die durch eine Kampagne verstärkte Diskussion um ein
Gesundheitsthema kann dazu führen, dass wir unsere (ungesunden) Gewohnheiten
hinterfragen, ohne direkt angesprochen zu werden. Richtlinien können in
Zusammenhang mit Zwang aber durchaus kontraproduktiv wirken – Verbote können
schnell auch etwas Reizvolles bekommen.
Sind
zeitgleich zur Medienkampagne wichtige Hilfsangebote und -produkte verfügbar
und zugänglich,
wirkt sich das positiv auf den Kampagnenerfolg aus. Etwa wenn Britische
Polizisten auf Partymeilen kostenlos Flip Flops an torkelnde Damen in High
Heels verteilen, um verstauchten Knöcheln vorzubeugen. Dazu gab’s
Informationsmaterial zum Thema Alkoholismus, eine Flasche Wasser und ein
Kondom.
Mit gutem Beispiel
voran – na klar, Gesundheitskampagnen wirken motivierender, wenn viele andere
Menschen dem guten Beispiel bereits folgen. Auch eine Studie des Forscherteams
der Universität Heidelberg unter der Leitung von Prof. Dr. Monika Sieverding
belegt das4. Laut den Heidelberger Wissenschaftlern
orientieren sich Menschen dabei einerseits an ihrem engen Umfeld, also an der
Familie und an Freunden. Andererseits bewerten sie, wie sich »vergleichbare«
Menschen verhalten. Dabei kann es sich beispielsweise um Personen handeln, die
fremd sind und mit ähnlichen Situationen konfrontiert werden oder demselben
Geschlecht angehören.
Kontraproduktive Faktoren
Die Wahrscheinlichkeit, dass Gesundheitskampagnen etwas bewirken, sinkt, wenn die Botschaft
widersprüchlich ist
oder sich vielleicht sogar dahinter Marketingstrategien für konkurrierende
Produkte verbergen.
Kaum Wirkung erzielen Kampagnen, die das Rauchen als typische Aktivität von
Erwachsenen darstellen. Die Faszination des Verbotenen wirkt zumeist erst recht
attraktiv auf die Jugendlichen. Hier verweisen die Forscher auf die lauen
Versuche Ende der 1990er-Jahre von einigen Tabakkonzernen. Die Werbefilme
richteten sich gegen das Rauchen im Teenager-Alter. Fehlen Argumente gegen das
Rauchen und bleiben Gesundheitsgefahren unerwähnt, stellen sich keine
signifikanten Verhaltensänderungen ein.
Ebenfalls
weniger erfolgreich sind Kampagnen gegen Alkoholmissbrauch und gegen illegale
Drogen. Das Problem laut Wakefield: kaum einer hat etwas gegen das Trinken in
Gesellschaft, es gilt offenbar fast überall als soziale Norm. Erstaunlich: die auf Youtube
veröffentlichten Kurzfilme zum Thema Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen (binge
drinking boy und binge drinking girl)5
kommentierten die Jugendlichen mit »hot«, nicht abschreckend. Ein weiteres
Hindernis beim Kampf gegen diese Themen ist das Suchtpotenzial. Sogar wenn man
den Willen überzeugen würde, ist es für viele nicht so einfach aufzuhören. Nicht
verwunderlich also, dass Kampagnen eher Effekte erzielen, wenn es sich nicht um
die Veränderung von Gewohnheiten, sondern um eine »einmalige Sache« handelt (Organ-Pate
werden, Krebsvorsorge-Untersuchung etc.).
Und wie
lange wirken diese Kampagnen? Eigentlich
spricht der Umkehrschluss für den Erfolg von Gesundheitskampagnen, z.B. gegen
das Rauchen: Sind die Aktionen erst einmal beendet, nimmt die Zahl der Raucher
wieder zu. Für das Team um Wakefield ist dies nicht überraschend. Tabakwerbung
und die positive Darstellung des Rauchens in Film und Fernsehen sind präsent und wirken auch
weiterhin anziehend. Ein Grund für uns, gerade Gesundheitskampagnen langfristig
und vielfältig anzulegen. Eine Vereinigung amerikanischer Kinderärzte vermutet,
dass Aufklärung allein nicht mehr ziehen kann. Die desillusionierten Pädiater
richten sich deshalb an die Eltern. Sie sollen dafür sorgen, dass ihre Kinder
Nikotin, Alkohol oder andere Drogen nicht mehr in Film und Fernsehen sehen.
Aufklärung scheint einfach nicht gegen den Sog der Werbung und der medialen
Vorbilder
anzukommen.6
Gesundheitskampagnen
müssen sich genau in dieser Medienwelt behaupten, und nicht in ihrer Tiefe
versinken. Als viel versprechend konnte Wakefield die Einbindung von
Unterhaltungs- und Nachrichtenelementen in die Strategieplanung feststellen.
Gleichzeitig warnt die Verhaltensforscherin vor der Eigendynamik der
diversifizierten Medienwelt. Eine reine Effekthascherei kann unter Umständen
mehr Schaden als Nutzen bringen. Das zeigte u.a. die 2009 arg umstrittene
Anti-Aids-Kampagne, in der unter dem Titel »Aids ist ein Massenmörder«
Diktatoren beim Sex plakatiert wurden. Wakefield rät bei den oftmals sensiblen Gesundheitsthemen zu einer umsichtigen
Planung, bei der ein Test der Kampagneninhalte beim Zielpublikum unumgänglich
sei.