05.08.2010 12:09

Health 2.0 – die digitale Gesundheitswirtschaft

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Fan oder Blogger

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Eine neue Wortschöpfung zieht ihre Kreise durch die Gesundheitswirtschaft: Health 2.0. Beschrieben wird ein Phänomen, bei dem Patienten das nutzen, was ihnen das Mitmach-Web 2.0 so alles bietet. Sie informieren sich auf Portalen zu Gesundheitsthemen, vernetzen sich untereinander und sind erstaunlich bereit, ihr Wissen über sich selbst und ihre Krankheiten mitzuteilen. Wie verändert sich dadurch das Verhältnis zwischen Arzt und Patient?

Die Sozialen Netzwerke gehören inzwischen zur alltäglichen Kommunikation. Informationen finden uns – auf der Pinnwand im Facebook, als neue Nachricht im abonnierten Blog, über Twitter. Stammen die Informationen von einer Gruppe oder Person, mit der wir uns vernetzt haben, erscheinen sie uns glaubwürdig.

Im Gesundheitswesen wird das Potential von Social Media jetzt mehr und mehr genutzt. Dieses Phänomen wird Health 2.0 genannt. Nicht zu verwechseln mit E-Health (zumindest im angelsächsischen Raum wird hier genauer unterschieden!). E-Health konzentriert sich auf die technische Seite der elektronischen Medien und schaut, wie diese in der Gesundheitsversorgung eingesetzt werden kann.

Bei Health 2.0 steht die Kommunikation und soziale Interaktion im Mittelpunkt. Es wird gebloggt, gechattet, getwittert. Patientennetzwerke wie »patientslikeme« entwickeln sich. Social Media revolutionieren den Gesundheitsmarkt, so Ulrich Wirth von den Euro-Schulen Trier*. Sie beeinflussen zunehmend die Wahl und Reputation des Arztes, der Klinik und des Therapeuten. Sie wirken sich aber auch weiter auf die gestellte Diagnose, Symptome, Behandlung oder Alternativen aus. Ob das positiv für die Qualität medizinischer Versorgung ist oder auch nicht – es beeinflusst in jedem Fall das Verhältnis zwischen Patienten und Ärzten.

Auf der 9. Jahrestagung Consumer Health Care** ist man diesen Veränderungen nachgegangen – mit interessanten Ergebnissen.

»Health 0.0« verfolgt(e) demnach folgendes Schema:

Labor3 - Agentur für Kommunikation über Health 2.0

Der Patient steht hier am Ende der Informationskette. Habe ich Schmerzen im Knie, gehe ich zum Arzt und glaube seiner Diagnose. Er ist für mich eine Art autoritärer Alleswisser.

»Health 2.0« hingegen:

Labor 3 - Agentur für Kommunikation über Health 2.0

Der »Patient 2.0« kommuniziert und informiert sich auf vielfältige Weise. Er liest in Blogs, vernetzt sich, kommuniziert mit anderen Patienten und mit Ärzten in Portalen und virtuellen Sprechstunden, z. B. bei qualimedic.de. Gemeinsam tauschen sie anonym ihre Gesundheitsdaten aus, wodurch sie regelrechte (krankheitsbezogene) Wissensdatenbanken generieren. Dieses Wissen beeinflusst Selbstdiagnose, Arztwahl, Präferenzen für eine Medikation oder Therapie. Damit gewinnt der Patient 2.0 eine neue Position auf dem Gesundheitsmarkt.

Der »Arzt 2.0« wird in diesem neuen Verhältnis eher zum medizinischen Berater. Er bleibt aber nicht der passive Beobachter des Mitmach-Web. Ulrich Wirth stellt fest, dass Ärzte längst untereinander in fachunspezifischen bzw. interdisziplinären Foren und Gesundheitsportalen kommunizieren. Und sie werden nicht mehr nur von ihren Patienten bewertet, sondern bewerten sich auch gegenseitig. »Social Media ermöglicht Ärzten neben dem Update ihres eigenen Wissens den fachlichen Austausch, um z.B. eine Zweitmeinung einzuholen. Ermöglicht, oder sollte es besser ermutigt oder gar zwingt heißen? Wahrscheinlich von allem ein wenig.« so Wirth.  

Die größte Chance sieht Wirth im aktiven Einbezug des Patienten in den Behandlungsprozess. »Dieser Bereich birgt ein großes Potenzial für die Verbesserung der Qualität der medizinischen Versorgung.« Durch eine partizipative Gesundheitsversorgung, d.h. auch mit und durch Patienten ist es möglich, Versorgungsprobleme im deutschen Gesundheitswesen und Informationsbedarf aufzudecken.

Größter Kritikpunkt ist und bleibt die Qualität. Wie fundiert kann schon irgendein Kommentar im Netz zu Allergien sein? Beiträge im Blog oder Forum seien nach Wirth natürlich kein Lehrbuchwissen. Dennoch wären sie evidenzbasiert, weil sie auf Erfahrungen von Patienten mit Medikamenten oder Therapien beruhten. Wie in allen Bereichen nehmen Befürworter an, die Vernetzung verhindere, dass schlechte Informationen allzu lange im Netz blieben. Und immer häufiger stößt man bei Internetseiten rund um die Gesundheit auf ein Qualitätssiegel der »Health On the Net« (HON). Es ist eine Nichtregierungsorganisation, die kontrolliert wie zuverlässig und qualitativ Internetseiten im Gesundheitsbereich sind und vertrauenswürdige Seiten entsprechend ausweist.

Zu der Informationsqualität gesellt sich die Datensicherheit. Wirth ist sich jedoch sicher, dass diese Probleme lösbar sind. Wenn es soweit ist, könnte Health 2.0 zu einer höheren Qualität der medizinischen Versorgung, zu Kostenreduzierung, besseren Verfügbarkeit von Gesundheitsdienstleistungen und zu Effizienz führen.

Seinen Ausblick möchten wir nicht vorenthalten: »... zukünftig werden nicht mehr nur Menschen mit Dingen kommunizieren, sondern die Dinge selbst, also Objekte und Sensoren untereinander. Das wird im Web squared (Web²) passieren, welches das Web 2.0 ablösen wird. Wie radikal sich der Gesundheitssektor dadurch nochmals verändern wird, bleibt mit Spannung abzuwarten.«

 

Quellen:
* Ulrich Wirth, Euro-Schulen Trier: Wie Social Media die Gesundheitswirtschaft revolutionieren.
http://www.openpr.de/news/446674/Wie-Social-Media-die-Gesundheitswirtschaft-revolutionieren.html
** 9. Jahrestagung Consumer Health Care: Digitale Gesundheitskommunikation. Ein Blick in die Zukunft und Wirklichkeit einer partizipativen Gesundheitsversorgung. http://www.slideshare.net/saschboris/health-20-und-partizipative-gesundheit

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