07.10.2011 15:09

Patienten 2.0 – Einfluss des Social Web auf die Gesundheitskommunikation

Labor3 über Patienten 2.0

In der Behandlung, Prävention und Pflege sind Patienten nur an unabdingbaren Stellen eingebunden. Etwa dort, wo sie behandelnden Ärzten Einwilligungserklärungen unterschreiben oder die Durchführung von Aufklärungsgesprächen quittieren sollen. Doch entspricht das dem veränderten Kommunikations- und Informationsverhalten des Patienten 2.0? (1)

Health 2.0, Web 2.0, Evolution 2.0 – Begriffe mit dem numerischen Code 2.0 sind modisch geworden; gleichzeitig sind sie aber irreführend und lösen hier und da zwiespältige Gefühle aus. Genau genommen handelt es sich bei 2.0 um eine Versionsnummer für den Kommunikationsspielraum im Netz, um Entwicklungszyklen voneinander abzugrenzen. Sie kam mit dem amerikanischen Verleger Tim O’Reilly auf, der den Begriff Web 2.0 im Jahre 2004 erstmals in die Runde gab. Im Unterschied zum Web 1.0 kann der Nutzer Inhalte selber beeinflussen und mitgestalten. Fortan fanden sich die 2 Ziffern in verschiedensten Kombinationen mit Worten wieder, in denen die strikte Trennung zwischen aktiv-produzieren und passiv-konsumieren sich langsam aufzuweichen begannen.(2) So auch im Gesundheitswesen.

Wer oder was sind Patienten 2.0?
Dem Thema Health 2.0 hatten wir uns bereits in dem Post It über die digitale Gesundheitswirtschaft ...> genähert. Darin wurde kurz umrissen, wer und was sich hinter dem Begriff Patient 2.0 verbirgt:

Der »Patient 2.0« kommuniziert und informiert sich auf vielfältige Weise. Er liest in Blogs, vernetzt sich, kommuniziert mit anderen Patienten und mit Ärzten in Portalen und virtuellen Sprechstunden, z. B. bei qualimedic.de. Gemeinsam tauschen sie anonym ihre Gesundheitsdaten aus, wodurch sie regelrechte (krankheitsbezogene) Wissensdatenbanken generieren. Dieses Wissen beeinflusst Selbstdiagnose, Arztwahl, Präferenzen für eine Medikation oder Therapie. Damit gewinnt der Patient 2.0 eine neue Position auf dem Gesundheitsmarkt.

Reicht das noch? Wir wollen dem Phänomen Patient 2.0 nun weiter nachspüren und schauen, welche Herausforderungen sich aus dem veränderten Informations- und Kommunikationsverhalten für das Arzt-Patienten-Verhältnis ergeben. Wer heute Gesundheitsinformationen benötigt, braucht nicht mehr (nur) den Arzt oder Apotheker zu fragen. Beide genießen laut der aktuellen MSL Gesundheitsstudie (3) nach wie vor Vertrauen. Zugleich bilanziert die Studie jedoch, dass sie ihr »Informationsmonopol« eingebüßt hätten. Satte 98% der Befragten informieren sich demnach bereits im Internet zu Gesundheitsthemen. Welche anderen Informationskanäle in welchem Ausmaß genutzt werden, ist in der folgenden Grafik dargestellt.

Grafik »Über welche Kanäle informieren Sie sich über Gesundheitsthemen?«

Die Quellen für Gesundheitsinformationen im Internet unterscheiden sich je nach Nutzerverhalten (dazu gleich mehr). Dieses Mal haben im Social Web nicht Facebook oder Twitter die Nase vorn, sondern Foren. Ein Grund dafür könnte die höhere Anonymität in den Foren sein. In der Studie wird darauf hingewiesen, dass besonders Beiträge in Patientenblogs, die viel kommentiert und hoch bewertet wurden, eine sehr hohe Glaubwürdigkeit genießen.

Typologie der Online-Patienten
Der im Internet aktive Patient wird als »E-Patient«, »Online Patient« oder »Patient 2.0«  bezeichnet, die im Kern das gleiche beinhalten. Regina Holliday verwendet beispielsweise den Begriff »E-Patients«. Vielleicht lockt sie dieser Begriff – wie auch andere, vorrangig aus dem angloamerikanischen Raum, weil er sich alliterarisch bestens eignet. So sind E-Patients nicht nur elektronisch unterwegs, sondern auch: »... engaged, empowered, equipped and expert in their own medical care or that of their families members. They use the tools of health 2.0 and communication technology to insure better health outcomes in their personal lives.«(4)

Das Internet, genauer das Web 2.0, ist zum wichtigsten Informationskanal für Gesundheitsthemen geworden. Bereits in der MSL-Gesundheitsstudie 2010 (5) hat man versucht, sich ein genaueres Bild von den Personen zu machen, die diesen Informationskanal nutzen. Zusammen mit dem Marktforschungsinstitut SKOPOS konnten dabei 6 unterschiedliche Nutzer identifiziert, und in der neueren Studie von 2011 (3) bestätigt werden. Dazu wurden je 1000 Personen befragt. Hier haben wir die Ergebnisse beider Studien für einen Überblick zusammengefügt:

Netzwerker (2010: 26%; 2011: 23%)
zwischen 20-49 Jahren, vorrangig weiblich, nutzen aktiv, selbstbewusst und offen Web 2.0 Anwendungen wie Foren, Chats, Diskussionen zum Austausch und Verfassen eigener Beiträge; fühlen sich als Teil einer Gemeinschaft

Smarte (2010: 17%; 2011: 20%)
überwiegend weiblich und jung, mit höherem Bildungsniveau als Netzwerker; nutzen das kollektive Wissen im Web 2.0, aber deutlich kritischer gegenüber Absender der Gesundheitsinformationen, sind gern Teil einer Gemeinschaft

Forscher (2010: 16%, 2011: 18%)
in den besten Jahren, gebildet, vor allem auf der Suche nach Informationen zu Gesundheitsthemen, weniger an Austausch mit anderen interessiert, Qualität der Quelle steht im Fordergrund – wird es kommerziell, erlahmt der Forscherdrang

Beobachter (2010: 15%; 2011: 16%)
in allen Bildungsschichten, vor allem bei 40 bis 49-Jährigen; passiv und eher zurückhaltend im Web 2.0; lesen gelegentlich Beiträge in Chats und Foren, schreiben aber nicht, sondern verlassen sich lieber auf Empfehlungen und Bewertungen anderer

Zaungäste (2010: 13%; 2011: 12%)
meist mittlerer Bildungsgrad, eher männlich als weiblich, älter als 40 Jahre, in vielen Fällen verheiratet; beteiligen sich nicht aktiv an Diskussionen im Web 2.0, beobachten das Geschehen aus sicherer Entfernung

Traditionalisten (2010: 13%; 2011: 12%)
meist älter als 50 Jahre, eher niedrigeren Bildungsgrad, in festen Partnerschaft; Web 2.0 Anwendungen werden nur selten genutzt, Ratgeber sind eher Ärzte, Krankenkassen und deren Online-Angebote sowie Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender

Patientensouveränität – der digital informierte Patient als Partner oder Störfaktor?
Oft wird im gleichen Atemzug mit dem Begriff Patient 2.0 von einer so genannten Patientensouveränität gesprochen. Dass bedeutet, dass der mündige, informierte Patient sich nicht passiv einer Behandlung unterziehen lässt, sondern diese aktiv beeinflusst. So gesehen ist Patientensouveränität eine Art Gegenentwurf zum paternalistischen Modell der Therapeuten-Patienten-Beziehung. Durch Ausbildung und Erfahrung verfügt der professionelle Therapeut über einen Wissensvorsprung, der ihn dazu ermächtigt, im Sinne des Patienten Entscheidungen für ihn zu treffen. Schon lange wird darüber diskutiert, was passiert, wenn Patient und Arzt auf einer Augenhöhe miteinander kommunizieren und agieren.

Es zeigt sich: Patientenansprüche an ärztliche Beratung steigen, die Patientenschaft ist informierter als früher, die Skepsis gegenüber ärztlicher Beratung nimmt zu, Patienten und Angehörige holen nicht mal mehr nur Zweitmeinungen, sondern mehrere Meinungen ein. Das Fazit einer Umfrage von 2000 (!) lautet: »Information verunsichert die Patienten. Mit gestiegenem Wissensstand steigt die Skepsis gegenüber dem Arzt.« (6)

Der Zugang zum Internet – eigentlich kein Problem mehr. Damit ist auch das Tor zu einer Fülle an Gesundheitsinformationen geöffnet. Das begünstigt die Entwicklung der Patientensouveränität. Zugespitzt lässt Gunter Dueck auf der republica 2011 verlauten, dass es nunmehr der Patient ist, der den Arzt über neue wissenschaftliche Behandlungsmethoden informiert. Wer heute in seinem Beruf kompetent sein will, so Dueck, muss mehr anbieten, als das Fachwissen seiner Berufsbildung. Der Mathematiker und Philosoph prophezeit ein Umdenken von einer Wissens- zu einer Können-Gesellschaft. (Wer Zeit und Nerven hat, sich provozieren zu lassen, dem sei dieser Vortrag empfohlen. Hier geht's zum Youtube-Video >>)

Die vielen (ungefilterten) Gesundheitsinformationen im Internet ermöglichen den Patienten, sich selbst einen ungebändigten Informationsvorsprung gegenüber dem behandelnden Arzt zu verschaffen. Allerdings nicht ohne Risiken. Das Beispiel ist bekannt: Googelt man den Suchbegriff »Kopfschmerzen« reicht das Krankheitsspektrum vom leichten Schnupfen bis hin zum Hirntumor. Das Netzpendant zur Hypochondrie hat bereits den schönen Namen Cyberchondrie. Auch deshalb ist Kai Sostmann von der Charité Berlin der Meinung, dass der Arzt zum Lotsen wird, der dem Patienten als Vertrauter und Experte gegenübertritt. (7)

Das schier endlose Informationsangebot im Netz sorgt aber nicht nur für (manchmal zu) kritische Patienten. Der Zugang zu diesem umfangreichen Wissen kann unsere Ernährung, unsere sportliche Aktivität, ja sogar den gesamten Lebensstil positiv beeinflussen. Menschen sind in der Lage, sich zu informieren und damit auch, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen. Ein »Das konnte ich ja nicht wissen« wird eher ein Zeichen von Passivität als Ohnmacht.

Trotz aller Betrachtungen über Vorteile und Risiken, Tatsache ist, dass Patienten sich über ihre Krankheiten im Internet austauschen und damit regelrechte Wissensdatenbanken entstehen lassen. Wenn Patienten ihre Symptome im Internet dokumentieren und Ärzte Zugriff auf diese Daten haben, steht ihnen eine ungeahnte Informationsquelle zur Diagnostik und »Patientenführung« zur Verfügung. Laut der MSL Studie glaubt jeder zweite Befragte daran, dass ein Therapieerfolg durch eine internetgestützte Begleitung verbessert werden kann.

In der Studie wurden weitere Vorteile des digital informieren Patienten zusammengefasst (3):

  • »patient-generated content« bietet bislang nicht ausgeschöpfte Potentiale für Unternehmen der Gesundheitsbranche
  • Größerer Therapieerfolg durch internetgestützte Begleitung des Therapieplans (Steigerung der Adhärenz: Motivation, Wissen, Vertrauen)
  • Verbesserung und Weiterentwicklung der Produkte durch Social Media Analyse und Vernetzung der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen mit dem Patienten
  • Größere Bereitschaft, (mehr) Geld für Therapien auszugeben
  • Möglichkeiten des Vertrauensgewinns der Pharmabranche beim Patienten durch gezielte digitale Aufklärungstools in Partnerschaft mit Patientenorganisationen, Krankenkassen oder Ministerien

Fazit
Um noch einmal auf die MSL-Gesundheitsstudie 2011 zurück zu kommen: Insgesamt gaben 41% der Befragten an, sich vor dem Arztbesuch im Internet zu informieren – 31% recherchieren auch nach dem Termin im Netz. Das Internet rahmt den Arztbesuch ein. Leider gibt es keine Angaben zu der Motivation, auch nach dem Besuch das Internet zu konsultieren. Werden die Informationen des Arztes überprüft? Werden Alternativen zur empfohlenen Behandlung gesucht? Wird vielleicht nach verständlicheren Informationen recherchiert? In der Studie führt dieses Ergebnis zu der Vermutung, dass »... weder Ärzte noch Unternehmen der Gesundheitsbranche dem Bedürfnis der Patienten mit angemessenen Dialog- und Kommunikationsangeboten begegnen.« (3) 

Die Entwicklungen im Gesundheitswesen fördern und fordern mehr Eigenverantwortung. Künftig werden Patienten immer mehr selbst entscheiden: Zu welchem Arzt gehe ich? In welche Klinik? Welche Behandlungen wähle ich? Damit werden sie zu einer wichtigen Einflussgröße, die eine aktivere und auch positive Rolle bei der Neugestaltung des Gesundheitssektors spielen können – wenn man sie lässt. 

 


Quellen:
1 Rademacher, Lars; Remus, Nadine: Kommunikationsmanagement im Gesundheitswesen. In: Koch, Christoph: Achtung Patient online! Gabler Verlag: Wiesbaden, 2010. (S.43)
2 Heute stehen wir bereits an der Schwelle zum Web 3.0, d.h. das Attribut social wird mit »semantisch« ersetzt. Nicht, weil das Web 3.0 weniger social ist – im Gegenteil. Soziale Netzwerke und die niedrige Schwelle, Inhalte im Netz zu publizieren werden weiter an Bedeutung gewinnen. Damit steigt auch die Informationsmenge enorm an. Um eine Struktur bei der Suche nach Informationen zu schaffen, werden im semantischen Web Informationen nach ihrer Bedeutung klassifiziert.
3 Gesundheitsstudie der Kommunikationsagentur MSL Germany und des Marktforschungsinstituts SKOPOS, 2011.http://www.virtuelles-wartezimmer.de/
4 Holliday, Regina: Patient 2.0. 2010. http://www.slideshare.net/ReginaHolliday/patient-20
5 Gesundheitsstudie der Kommunikationsagentur MSL Germany und des Marktforschungsinstituts SKOPOS, 2010.http://www.virtuelles-wartezimmer.de/category/msl-gesundheitsstudie
6 Marstedt, Gerd: Auf der Suche nach gesundheitlicher Information und Beratung: Befunde zum Wandel der Patientenrolle. 2003. http://www.forum-gesundheitspolitik.de/dossier/PDF/Informierte-Patient.pdf
7 Kai Sostmann auf der republica 2011 in Berlin: http://re-publica.de/11/blog/panel/vom-lerner-zum-selbst-heiler/

 

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